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Die Befreiung der Geiseln

Eine moralische Pflicht!

Veröffentlicht am 27/11/2023
Autor: Haim Ouizemann, Aschkelon (campustanakh@gmail.com). Übersetzung: C. Faes

Israelische Geiseln, die am 26. November 2023 von der israelischen Regierung aus der Terrorbewegung Hamas befreit wurden

Während wir in diesen schweren Tagen den Austausch israelischer Geiseln gegen Hamas-Terroristen in der Größenordnung von einem Israeli gegen drei Terroristen miterleben, stellt sich die Frage nach der ethischen und sicherheitspolitischen Legitimität dieser Transaktion. Kann dieser Austausch angesichts der künftigen Bedrohungen für die Sicherheit Israels und die Moral der Nation als legitim angesehen werden? Hat die Heiligkeit des Lebens Vorrang vor der Erpressung durch Terroristen, die verängstigte Eltern manipulieren? Ist es ethisch vertretbar, eine arithmetische «Äquivalenz» von drei zu eins oder im Fall von Gilad Schalit von 1’027 zu eins herzustellen? Ist es nicht eine moralische Verletzung und eine Verweigerung der Gerechtigkeit gegenüber den Familien der Opfer, wenn man Terroristen freilässt, die des Mordes und anderer Übergriffe für schuldig befunden wurden?

Die Befreiung von Geiseln: eine moralische Verpflichtung

Im Fall des französisch-israelischen Soldaten Gilad Schalit, der fast fünfeinhalb Jahre (1’941 Tage) als Geisel der Hamas gefangen war und gegen mehr als tausend Terroristen «eingetauscht» wurde, die für die Ermordung hunderter Zivilisten verurteilt worden waren, erklärte Premierminister Benjamin Netanjahu in seiner Rede nach Gilad Schalits Rückkehr nach Israel, dass seine Entscheidung, die er nach bestem Wissen und Gewissen getroffen habe, «schwierig war (…). Als Staatsoberhaupt, das jeden Tag Soldaten aussendet, um die Bürger Israels zu verteidigen, glaube ich, dass Solidarität (…) einer der Grundsteine unserer Existenz hier ist. (…) Heute kehrt Gilad nach Hause zurück, zu seiner Familie, seinem Volk und seinem Land. Dies ist ein emotionaler Moment … aber es ist auch ein schwieriger Tag. (…) Wir glauben an die Heiligkeit des Lebens, wir heiligen das Leben. Dies ist eine uralte Tradition unseres Volkes, des jüdischen Volkes». Das Prinzip des Lebens hat Vorrang vor dem moralischen Recht der trauernden Familien. Es rechtfertigt die Verweigerung von Gerechtig-keit und geht über das grundlegende Sicherheitsbedürfnis des hebräischen Staates hinaus. Das Leben eines Menschen hat keinen Preis.

Der Erzvater Abraham, ein Apostel der Gewaltlosigkeit, war der erste, der seinem gefange-nen Neffen Lot bewaffnete Hilfe leistete (1. Mose 14,14-16). Als die Kanaaniter später Israeliten gefangen nahmen, griffen die Söhne Israels sie an, ohne auch nur ein Gespräch zu beginnen (4. Mose 21,1-3). David wurde von seinen eigenen Leuten bedrängt wegen der großen Zahl verschleppter Frauen und Kinder, darunter seine eigenen Frauen Ahinoam und Abigail. Er wurde von der Frage geplagt, ob es richtig sei, das Lager der Amalekiter zu stürmen (1. Samuel 30,1-31). Der Priester Abjatar zögerte nicht, den König zu ermutigen, dringend eine bewaffnete Truppe aufzustellen, und versprach ihm vollen Erfolg.

Die biblische Quelle in diesen drei Fällen ist eindeutig. Sie befürwortet den Einsatz von Waffengewalt bei der Geiselhaft von hebräischen Zivilisten oder gefangenen Soldaten. Dies war in Entebbe (1976) bei der Operation zur Befreiung des Soldaten Nachshon Wachsman der Fall.[1]. Ebenso für den zweiten Libanonkrieg, der 2006 nach der Entführung der beiden Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser ausgerufen wurde. Hundertfünfzig Soldaten und Zivilisten kamen dabei ums Leben und lösten eine Debatte aus: War es ethisch legitim, für zwei tote Soldaten das Risiko einer solchen Konsequenz einzugehen? Es sei auch daran erinnert, dass die israelische Regierung 2014 keine größere Militäroperation beschloss, um die Hamas-Führer zur Freilassung der zwei Israelis Avera Mengistu und Hisham al-Sayed, sowie zur Rückführung der sterblichen Überreste der zwei Soldaten Hadar Goldin und Oren Schaul zu zwingen.

Maimonides[2] zitiert mehrere biblische Quellen, die sich auf die Nächstenliebe stützen, und sagt, dass es keine edlere Pflicht gibt, als Geiseln zu retten[3]. Dieses Gebot ist von solch zentraler Bedeutung, weil es mehrere ethische Pflichten der Nächstenliebe und der Heiligung des Lebens verbindet und in sich vereint, deren höchster und absoluter Wert von niemandem ermessen werden kann. In der jüdischen Rechtsprechung[4] heißt es: «Wer die Rettung von Geiseln auch nur ein wenig verzögert, obwohl es in seiner Macht steht, diese Pflicht ohne Zögern zu erfüllen, wird mit demjenigen identifiziert, der Blut vergießt». In diesem Sinne erklärte der damalige israelische Botschafter Haim Herzog an der Sitzung des UN-Sicherheitsrats, die auf Antrag der ugandischen Regierung einberufen worden war, um den israelischen Überfall auf Entebbe zu verurteilen – ein Antrag, der abgewiesen wurde: «Wir haben eine einfache Botschaft an den Sicherheitsrat: Wir sind stolz auf das, was wir getan haben, weil es der ganzen Welt zeigt, dass für ein kleines Land, in diesem Fall Israel, (…) Würde, menschliches Leben und Freiheit die höchsten Werte sind. Wir sind nicht nur stolz, weil wir das Leben von hundert unschuldigen Menschen – Männern, Frauen und Kindern – gerettet haben, sondern auch, weil die Bedeutung unserer Tat menschliche Freiheit bedeutet.»[5]
Trotz dieser Vision wurde die Möglichkeit einer kollektiven Bestrafung der palästinensischen Bevölkerung, um damit Druck auf die Hamas auszuüben, von allen israelischen Regierungen stets ausgeschlossen.

Eine Höchstgrenze auf Kosten des Lebens anderer?

Die Heiligkeit des Lebens war für die Weisen Israels so entscheidend, dass sie beschlossen, dem Austausch von Soldaten – im Gegensatz zu Geiseln, die gegen Lösegeld freigelassen werden – eine Höchstgrenze zu setzen, um sicherzustellen, dass das Kollektivwohl auf Kosten der Geiseln gewahrt wird: «Die Rettung von Geiseln darf nicht erfolgen, wenn dadurch der gerechte Preis überschritten wird, der um des Kollektivwohls willen zu zahlen ist» (Babylonischer Talmud, Gittin 45,a).

Ein Israeli gegen drei Terroristen oder gegen tausend – ist das nicht ein übertriebener Preis?

Die historische Rückkehr von Gilad Schalit wurde nur durch den irrationalen Lohn ermöglicht – das höchste Lösegeld, das jemals für einen israelischen Soldaten «gezahlt» wurde[6]. Irrational, wenn man bedenkt, dass die meisten freigelassenen islamischen Radikalen ihre terroristischen Anschläge wiederaufnahmen, wie Scheich Achmed Jassin und Jibril Rajoub, die die erste Intifada (1987) initiierten. Dieser exorbitante Preis, der für Gilad Schalit gezahlt wurde, wurde von keinem Geringeren als Benjamin Netanjahu gebilligt, obwohl er sich als Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen kategorisch gegen den Austausch mit Achmed Jibril ausgesprochen hatte: «Ich war davon überzeugt, dass die Freilassung von tausend Terroristen, die nach Judäa und Samaria kommen würden, unweigerlich zu einer schrecklichen Verschärfung der Gewalt führen würde, da diese Terroristen ja als Helden empfangen wurden, die die palästinensische Jugend nachahmen würde.» Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Heute ist klar, dass die Freilassung von tausend Terroristen eine der Ursachen war, die «das Feuer der Intifada entfacht hat»[7]. Auch heute wieder sieht sich Benjamin Netanjahu gezwungen, eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Hamas-Terroristen freizulassen, um alle Geiseln möglichst sicher nach Israel zu bringen.

Das Prinzip der Verantwortung gegenüber dem Prinzip der Gerechtigkeit

Rav Shlomo Goren[8], der sich gegen den «Jibril-Deal» ausgesprochen hatte, schrieb jedoch, dass «im Falle von Kriegsgefangenen – während sie ihre Aufgabe als Kämpfer erfüllten – bei ihrer Freilassung nicht die Sicherheitsbedrohung berücksichtigt werden darf, die dies für die Bevölkerung und den Staat bedeuten könnte, da wir für ihre Gefangennahme verantwortlich sind». Das Kriterium «Die Rettung von Geiseln darf nicht erfolgen, wenn dadurch der gerechte Preis überschritten wird, der zu zahlen ist; dies um des Kollektivguts willen»[9] darf also nicht für die Geiselbefreiung angewendet werden. Das Prinzip der kollektiven Verantwortung für Geiseln hat Vorrang vor dem Prinzip der Gerechtigkeit, dessen Anwendung die Familien der Opfer verzweifelt fordern.

Der aktuelle Fall der israelischen Familien, die Tag und Nacht für die Rückkehr ihrer Angehörigen kämpfen, erinnert die Welt in Verbindung mit dem Fall von Gilad Schalit daran, dass das israelische Volk seine Angehörigen niemals fallen lässt, da der Preis des Lebens unermesslich hoch ist. Deshalb kann der Schmerz – der Schmerz der Eltern, die von dem Terrorismus-Drama betroffen sind – zwar nicht aus Acht gelassen werden, aber nichts geht über die lang ersehnte sichere Rückkehr unserer Kinder in ihre Heimat.

Es sei daran erinnert, dass sechs weitere inhaftierte oder vermisste Israelis erst kürzlich das glückliche Schicksal von der Hamas befreiten Geiseln teilen, darunter die vierjährige Abigail Idan, deren Eltern bei dem tödlichen Angriff am 7. Oktober 2023 getötet wurden, und Elma Avraham, die sich in einem sehr ernsten Gesundheitszustand befindet. Wir warten weiter auf die Rückkehr von inhaftierten Israelis wie Zecharia Baumel, und besonders auf die Rückgabe der als verschollen geltenden Soldaten wie Jehuda Katz, Tzvi Feldman (seit 11.06. 1982); Ron Arad (seit 16.10.86); Guy Hever (seit 17.08.97) und Majdi Halabi (seit 24.05.05).

Wir haben die Hoffnung, dass wir bald alle unsere Kinder, Frauen, Männer und Soldaten, alle Geiseln, die noch von den in Gaza wütenden Terrorbewegungen festgehalten werden, unter uns in Israel sehen werden!

[1] 1994 weigerte sich Premierminister Ytzchak Rabin, Scheich Yassin freizulassen, und befahl, das Versteck von Nachshon Wachsman zu stürmen, doch die Terroristen erschossen ihn.

[2] Hilchot Matnot Aniim Kapitel 8. Halacha 10. Babylonischer Talmud, Baba Batra 8:b nach Jeremia 15:2.

[3] «Jeder, der sich von diesem Gebot abwendet, übertritt die folgenden Gebote: «Du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen» (5. Mose 15,7); «Sei nicht gleichgültig gegen die Gefahr deines Nächsten» (3. Mose 19,16) … «Rette die, die man in den Tod schleift, und versäume nicht, die zu verteidigen, die in die Folter gehen» (Sprüche 24,11) … usw.»

[4] Shulchan Aruch, Yoreh Deah 252, 3.

[5] Haim Herzog. Heroes of Israel: Profiles of Jewish Courage. 1989. Seite 284.

[6] Austausch 1969: Zwei israelische Zivilisten und zwei israelische Soldaten werden gegen 71 ägyptische und syrische Gefangene ausgetauscht. Austausch 1978: Ein israelischer Soldat gegen 76 Terroristen. Austausch 1983: Sechs israelische Soldaten gegen 4’765 Terroristen. Austausch 1985: Ahmed-Jibril «Transaktion»: Drei israelische Geiseln, Hezi Shay, Nissim Salem und Yossef Grof gegen 1’150 palästinensische Terroristen. Austausch 1998: Drei israelische Geiseln, Hezi Shay, Nissim Salem und Yossef Grof gegen 1150 palästinensische Terroristen; 1998: Überreste eines israelischen Soldaten (Itamar Illiah) gegen Dutzende Terroristen; 2004: die Leichen von drei israelischen Soldaten (Adi Avitan, Benny Avraham und Omar Souad) und einem Zivilisten gegen 450 Hisbollah-Terroristen; 2008: die Leichen von zwei israelischen Soldaten (Eldad Reguev und Ehud Goldwasser) gegen Samir Kountar. 4 weitere Terroristen und 199 Leichen libanesischer Terroristen; 2011: Ein israelischer Soldat (Guilad Shalit) gegen 1027 Terroristen.

[7] «Ein Platz unter der Sonne» (1995).

[8] Rav Shlomo Goren (1918-1994). Oberrabbiner der Armee (1948-1968); Israelischer Preis für seine Forschungen über den Jerusalemer Talmud (1961). Während des Sechstagekriegs bläst er vor der Kotel den Schofar. Oberrabbiner von Tel Aviv-Yaffo (1968-1983); aschkenasischer Oberrabbiner von Israel (1972).

[9] «Torat Hamedinah», S.424.

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