
Haïm Ouizemann, Aschkelon, Israel. 21.04.2026 – campustanakh@gmail.com

Übersetzt aus dem Französischen von Cathy Faes.
«In Basel habe ich den jüdischen Staat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50 wird es jeder einsehen.» (Tagebuch von T. Herzl, 3. September 1897)
Die Geschichte hat Herzl mit verblüffender Genauigkeit Recht gegeben.
Am 29. November 1947, genau 50 Jahre nach dem ersten Zionistenkongress in Basel, verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für Palästina. Die Vereinten Nationen anerkannten damit auf internationaler Ebene offiziell das Recht der Juden auf die Gründung eines unabhängigen Staates (Resolution 181, bekannt als „Teilungsplan“). Der Staat war gerade erst entstanden. Weniger als ein Jahr nach dieser Anerkennung von 1947 wurde im Mai 1948 die Unabhängigkeit aus-gerufen, also kaum drei Jahre nach der Befreiung der Vernichtungslager.
Der jahrtausendealte Traum von der Rückkehr nach Eretz Israel wird greifbare Realität. „Nächstes Jahr in Jerusalem“, das Gebet, das jedes Jahr am Abend des Pessach-Seders wiederholt wird, hat seine voll-kommenste Erfüllung gefunden. Während Herzl der Staat als notwendiger Zufluchtsort zum Schutz der gefährdeten Juden ansah, betrachten die Nachfolger Nachmanides (Ramban, 1194–1270) diesen Staat als spiritueller Rahmen. Er ermöglicht, die aktive Verpflichtung der Mitzwa der Souveränität zu erfüllen, in dem den Hebräern im Tanach (Hebräische Bibel) versprochenen Land Israel.
«Und ihr sollt das Land in Besitz nehmen und darin wohnen,
denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen.» 4. Mose 33,53
וְהוֹרַשְׁתֶּם אֶת הָאָרֶץ וִישַׁבְתֶּם בָּהּ, כִּי לָכֶם נָתַתִּי אֶת הָאָרֶץ לָרֶשֶׁת אֹתָהּ: (במדבר לג:נג)
Dieser Vers aus dem 4. Buch Mose hat seinen Ursprung in dem historischen Versprechen, das den drei Patriarchen Israels bezüglich ihres Landes gegeben wurde:
An Abraham (1. Mose 12,7): “לְזַרְעֲךָ אֶתֵּן אֶת הָאָרֶץ הַזֹּאת”
«Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben.»
An Isaak (1. Mose 26,3): “גּוּר בָּאָרֶץ הַזֹּאת וְאֶהְיֶה עִמְּךָ וַאֲבָרְכֶךָ”
«Halte dich auf in diesem Land. Und ich werde mit dir sein, und dich segnen.»
An Jakob (1. Mose 28,13): “הָאָרֶץ אֲשֶׁר אַתָּה שֹׁכֵב עָלֶיהָ לְךָ אֶתְּנֶנָּה וּלְזַרְעֶךָ”
«Das Land, auf dem du liegst, dir will ich es geben und deiner Nachkommenschaft.»
Was ist der Zweck dieses göttlichen Versprechens?
Der Besitz des Landes Israel muss in der Ansiedlung und Verwurzelung des hebräischen Volkes realisiert werden.
רְאֵה נָתַתִּי לִפְנֵיכֶם אֶת הָאָרֶץ, בֹּאוּ וּרְשׁוּ אֶת הָאָרֶץ אֲשֶׁר נִשְׁבַּע ה’ לַאֲבֹתֵיכֶם: (דברים א:ח)
«Siehe, ich habe das Land vor euch dahingegeben. Geht hinein und nehmt das Land in Besitz von dem der HERR euren Vätern geschworen hat (es ihnen und ihren Nachkommen zu geben).» 5. Mose 1,8.
כִּי אַתֶּם עֹבְרִים אֶת הַיַּרְדֵּן לָבֹא לָרֶשֶׁת אֶת הָאָרֶץ… וִירִשְׁתֶּם אֹתָהּ וִישַׁבְתֶּם בָּהּ: (דברים יא:לא)
«Denn ihr geht über den Jordan, um hineinzuziehen, das Land in Besitz zu nehmen …
ihr werdet es in Besitz nehmen und darin wohnen.» 5. Mose 11,31.
In diesem Zusammenhang heißt es in der Bibel, dass das Land Israel auf sein Volk, seine Kinder, warten wird und sich keinem Volk unterwerfen wird, das versuchen sollte, es zu erobern:
וַהֲשִׁמֹּתִי אֶת‑הָאָרֶץ, וְשָׁמְמוּהָ אֹיְבֵיכֶם הַיֹּשְׁבִים בָּהּ. (ויקרא כו:לב)
«Und ich werde das Land öde machen, dass eure Feinde, die darin wohnen,
darüber höchst erstaunt sein sollen.» 3. Mose 26,32.
Raschi erläutert in seinem Kommentar: „Rabbi Levi sagte: Dies ist eine gute Maßnahme für Israel, damit ihre Feinde keinen Gefallen an den Gaben des Landes finden.“
Im Jahr 1867 beschrieb der Schriftsteller Mark Twain während seiner Orientreise in The Innocents Abroad (Unterwegs mit den Arglosen) Palästina als „ein trostloses und unschönes Land“(„Palestine is desolate and unlovely“). „Palästina sitzt in Sack und Asche. Ein Fluch lastet auf ihm, der seine Felder verdorren lässt und seine Kräfte gefesselt hält.“(„Palestine sits in sackcloth and ashes. Over it broods the spell of a curse that has withered its fields and fettered its energies.“)
Die Propheten Israels haben unermüdlich die Rückkehr des jüdischen Lebens in das Land Israel, Eretz Israel, verkündet, die Auferstehung des jüdischen Volkes in seinem wiedererlangten Land.
עוֹד יִקָּנוּ בָתִּים וְשָׂדוֹת וּכְרָמִים בָּאָרֶץ הַזֹּאת: (ירמיהו לב:טו)
«Es werden wieder Häuser, Felder und Weinberge in diesem Land gekauft werden.» Jeremia 32,15
וְאַתֶּם הָרֵי יִשְׂרָאֵל עַנְפְּכֶם תִּתֵּנוּ וּפֶרְיְכֶם תִּשְׂאוּ לְעַמִּי יִשְׂרָאֵל כִּי קָרְבוּ לָבוֹא: (יחזקאל לו:ח)
«Ihr aber, Berge Israels, ihr werdet für mein Volk Israel eure Zweige treiben und eure Frucht tragen, denn sie sind nahe daran zurückzukommen.» Hesekiel 36,8
וּבָנוּ עָרִים נְשַׁמּוֹת וְיָשָׁבוּ, וְנָטְעוּ כְרָמִים וְשָׁתוּ אֶת יֵינָם: (עמוס ט:יד)
«Sie werden die verödeten Städte aufbauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und deren Wein trinken, und Gärten anlegen und deren Frucht essen.» Amos 9,14
Diese Wiederauferstehung, so wundersam sie auch sein mag, beruht im Wesentlichen auf dem Opfer mehrerer Generationen von Männern und Frauen, die bereit waren, ihr Leben herzugeben, damit der selbständige Staat, wie er zu Zeiten König Davids bestand, wieder auferstehen konnte.
Im Gegensatz zu Herzl, einem Anhänger des politischen Zionismus, der auf eine „Charta“ (eine rechtliche Anerkennung durch die Großmächte) wartete, waren die Anhänger des praktischen sozialistischen Zionismus der Ansicht, dass die jüdische Souveränität nur durch die physische Präsenz von Pionieren und Pionierinnen vor Ort erreicht werden könne. Sie waren daher fest davon überzeugt, dass der Kauf von Land ,גְּאוּלַּת הָאֲדָמָה, Ge’ulat HaAdamah, der Bau von landwirtschaftlichen Dörfern (Kibbuzim und Moschawim) sowie die Einwanderung עֲלִיָּה, Alijah, letztendlich die Gründung eines Staates unausweichlich machen würden. Léon Pinsker, Autor von „Auto-Emancipation“, war derjenige, der die ersten Gruppen der חוֹבְבִּי צִיּוֹן, Hovevei Zion, die Liebhaber Zions, am stärksten inspirierte.
Was Menahem Ussishkin betrifft (er leitete den KKL fast 20 Jahre lang (1923–1941)), so erwies er sich als unermüdlicher Verfechter eines kollektivistischen praktischen Zionismus, der sich oft gegen Herzl stellte und den Erwerb von Land der europäischen Diplomatie vorzog. Auf dem sechsten Zionistenkongress (1903), der unter dem Namen „Uganda-Kongress“ berühmt geblieben ist, bekräftigte er: „Der Zionismus ist nicht im Himmel, er ist hier, auf dem Boden Palästinas, in jedem gepflanzten Baum und in jedem ge-sprochenen hebräischen Wort.“ Der praktische Zionismus war fest davon überzeugt, dass das Land durch Arbeit urbar gemacht, und nicht durch Kauf erworben werden muss, nach dem Leitsatz „Einstellung durch Arbeit“ (Kibbusch Ha’Avoda, כִּיבּוּשׁ הָעֲבוֹדָה). Die Schaffung eines selbstbestimmten und unabhängigen Staates muss ihrer Ansicht nach auf dem geistlichen Grundsatz der Landarbeit beruhen, ohne auf aus-ländische Arbeitskräfte zurückzugreifen, um eine körperliche und ethische Bindung zum Land aufzubauen. Für A. D. Gordon (1856–1922) war die landwirtschaftliche Arbeit keine bloße ökonomische oder politische Notwendigkeit, sondern ein echter Weg zur geistlichen Erlösung. Als er im Alter von 48 Jahren ohne jegliche handwerkliche Erfahrung im Mandatsgebiet Palästina ankam, theoretisierte und verkörperte er das, was man die „Religion der Arbeit“ (Dat Ha’Avoda, דָּת הָעֲבוֹדָה) nennt.
Letztendlich hat die Geschichte gezeigt, dass beide Visionen notwendig waren. Ohne den politischen Zionismus hätte die UNO den Staat 1947 niemals anerkannt. Aber ohne den praktischen Zionismus hätte es keinen Staat gegeben, den man hätte anerkennen können, keine Infrastruktur und kein Volk, das bereit gewesen wäre, ihn vor Ort zu verteidigen. „Die Arbeit ist unsere Lebenskraft … nicht ein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern der eigentliche Sinn des Daseins.“
Auf dem 8. Zionistenkongress im Jahr 1907 erkannte Chaim Weizmann, der spätere erste Präsident des neuen hebräischen Staates, dass der interne Streit über den politischen oder den praktischen Zionismus die gesamte Bewegung schwächte. Er schlug daraufhin eine „Synthese“ vor. Er entwickelte die Idee des „synthetischen Zionismus“ und bekräftigte, dass die beiden bisherigen Ansätze sich in Wirklichkeit er-gänzen und nicht gegensätzlich sind. Er war der Ansicht, dass weiterhin große diplomatische Anstren-gungen gegenüber den Großmächten unternommen werden müssen. Ohne internationale Anerkennung bleibe die Ansiedlung in Eretz Israel prekär und illegal. Parallel zu dieser diplomatischen Arbeit müssten die Pioniere ihre Anstrengungen verdoppeln, um die Einwanderung und den Landkauf voranzutreiben. Ohne eine massive physische Präsenz vor Ort haben die Diplomaten kein Verhandlungsgewicht.
Chaim Weizmann, ein genialer Chemiker, nutzte während des Ersten Weltkriegs seinen Einfluss bei der britischen Regierung. Es gelang ihm, ein offizielles Schreiben des Außenministers Lord Balfour zu erwirken, in dem es hieß: „Die Regierung Seiner Majestät betrachtet die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina wohlwollend.“
Es war die von Herzl so sehnlich erwartete „Charta“. Doch ohne Ussishkins Arbeit vor Ort wäre dieser Brief nichts weiter als ein leeres Versprechen gewesen.
Herzl benutzte die Diplomatie und Ussishkin die Landbearbeitung, dazu lieferte der religiöse Zionismus «צִיּוֹנוּת דָּתִית», Zionut datit, die metaphysische Rechtfertigung. Die Vorstellung nämlich, dass die Rückkehr ins Land nicht nur eine politische Lösung, sondern die Erfüllung eines göttlichen Versprechens ist. „Das Land Israel für das Volk Israel gemäß der Thora Israels“. Das ist der Slogan der Misrachi-Bewegung (gegründet 1902), der ersten religiös-zionistischen Partei. Für diese Richtung ist der Zionismus kein Bruch mit der religiösen Vergangenheit, sondern deren logische Fortsetzung.
Die großen Gründungspersönlichkeiten dieser Bewegung sind Raw Isaak Jakob Reines (1839–1915), der als Gründer der Mizrachi-Bewegung einer der wenigen Rabbiner seiner Zeit war, der Herzl von Anfang an unterstützte, sowie Raw Abraham Isaak Kook (1865–1935), der als erster Großrabbiner Israels der religiös-zionistischen Bewegung eine geistliche Tiefe verlieh. Er erklärte, dass selbst die säkularen Zionisten (die des „Pfluges“) ein heiliges Werk vollbrachten, ohne es zu wissen. Für ihn bildete der konkrete Aufbau des Landes den „Körper“, der es später der „Seele“ (dem Geist) ermöglichen wird sich zu offenbaren.
Im Gegensatz zu den ultraorthodoxen Strömungen, die auf einen Wunder-Messias warten, vertreten die religiösen Zionisten die Ansicht, dass die Erlösung mit menschlichen Taten beginnt: Einwanderung, Landwirtschaft und Politik. תּוֹרָה וַעֲבוֹדָה, Tora wa-awodah, „Thora und Arbeit“, wird zum Leitspruch der Jugendbewegung Bnei Akiva und des religiösen Pionier-Zionismus. Der Gläubige darf nicht im Lehrhaus, der Jeschiwa, eingeschlossen bleiben. Der Jude oder der neue Hebräer studiert mit der einen Hand die Thora und bearbeitet mit der anderen das Land (oder dient in der Armee).
Die Unabhängigkeitserklärung 1948
Der Text der «מְגִילַּת הָעַצְמָאוּת», Megilat Ha’Atzma’ut, legt ganz klar fest, dass der Staat Israel „… auf den Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und des Friedens, wie sie von den Propheten Israels gelehrt wurden, gegründet sein wird. Er wird allen seinen Bürgern, ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse oder des Geschlechts, die vollkommenste Gleichheit der sozialen und politischen Rechte gewährleisten.“
Die Gründerväter (die mehrheitlich säkular waren) zitierten die Thora nicht als Strafgesetzbuch, sondern als Quelle universeller ethischer Inspiration.
Der Zionismus, den manche lediglich als eine nationale Befreiungsbewegung betrachten – wie die meisten Befreiungsbewegungen weltweit –, zielt auf die Schaffung einer besseren, friedlichen Welt ab, in der für immer Gerechtigkeit und Liebe unter allen Menschen herrschen werden. Genau zu dem Zeitpunkt, in dem der Staat Israel nach dem 7. Oktober 2023 und dem Krieg gegen den Iran erneut um sein Überleben kämpfen muss, sollten die Nationen der Welt verstehen, dass dieser Kampf keineswegs rein nationaler Natur ist, sondern darauf abzielt, die freie und demokratische Welt von der Gefahr eines eroberungs-süchtigen und völkermordenden Islam zu befreien, der darüber hinaus unseren gesamten Planeten bedroht.
Der in der Menschheitsgeschichte langsame und langdauernde Prozess der Erlösung Israels, genannt «קִמְעָה קִמְעָה» (Kim’ah Kim’ah) wird von den Weisen Israels als «אַתְחַלְתָּא דִּגְאוּלָּה» (Atchalta DiGeulah), Beginn der Erlösung, bezeichnet. Gemäss dem Propheten Jesaja naht die Erlösung, wenn die Menschheit zu der Erkenntnis gelangt, dass Gerechtigkeit und Ethik (die von Zion ausgehen) der Schlüssel zur Lösung von Konflikten sind und nicht mehr das Schwert.
וְשָׁפַט בֵּין הַגּוֹיִם וְהוֹכִיחַ לְעַמִּים רַבִּים וְכִתְּתוּ חַרְבוֹתָם לְאִתִּים וַחֲנִיתוֹתֵיהֶם לְמַזְמֵרוֹת
לֹא יִשָּׂא גוֹי אֶל גּוֹי חֶרֶב וְלֹא יִלְמְדוּ עוֹד מִלְחָמָה. (ישעיהו ב:ד)
«Und Er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.» Jesaja 2,4
!יוֹם הוּלֶּדֶת שָׂמֵחַ לִמְּדִינַת יִשְׂרָאֵל
Jom huledet sameach liMedinat Israel!
Alles Gute zum Geburtstag, Staat Israel!
